Ein Ritter im mittleren Alter

05.06.2019 von MartinC | 0 Kommentare | Permalink

Als in ebendieser Stadt ein gewisser Bernhard bald darauf das Haus verließ, schien ihm, das Schicksal bediene sich heute eines besonders perfiden Plans:

Eine Garagenreinigung hatte ihn gezwungen, seinen Wagen weit weg im Freien abzustellen und radlos wie ein Mitglied der niedersten Fahrkaste zu Fuß auf dem Gehsteig zu kriechen, in einem Jammerlappental, während seinesgleichen hoch zu Ross mehrheitlich und lemminglich im Stau stand. Da schien es ihm, als ob er im Winkel seines linken Auges etwas fliegen sah. Überrascht drehte er den Kopf zur Seite, doch da war nichts zu erkennen, nur dieser blühende Strauch, mit weißen und rosa Blüten, den er bisher nie wahrgenommen hatte.

Ein Lastwagen donnerte vorbei und streifte das Gebüsch. Einer der Äste war abgebrochen und lag nun hilflos auf der Straße. Bernhard blickte sich um, ob ihn jemand sah und ob auch kein Auto käme, dann huschte er auf die Straße, hob das Holz auf und nahm es zu sich.

Kaum jedoch war Bernhard (der Schnelle) in sein Auto eingestiegen, fand diese typische Verwandlung vom sensiblen Mann zum röhrenden Autofahrer statt, und erst als er am Büroparkplatz angelangt wieder ausstieg, fiel sein Blick auf den Beifahrersitz. Bernhard nahm den Ast, trug ihn ins Büro, suchte eine Vase und stellte den Ast hinein, und er ertappte sich an diesem Tag immer wieder dabei, wie er versonnen diesen Ast betrachtete. Als dann der Abend kam, so wie er kommen musste, fuhr Bernhard genauso röhrend und blinkend heim, wie er gekommen war.

Aus: Die Blumenwiesenfee, 2017, Erzählung, edition libica, ISBN 9783903137165 - Der Text basiert auf neuen Wortkreationen und obwohl die Geschichte viel Märchenhaftes bietet, ist die selbst illustrierte Erzählung für jede Altersstufe. Behandelt werden ernste Themen wie der Autoverkehr in der Stadt, der Stellenwert des öffentlichen Raums, Kinder, Träume und das Erwachsenwerden, ohne ganz mit dem Kindsein aufzuhören.

Die Ilustration zur Erzählung:

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MartinC

MartinC

Martin Chroust führt den Beweis durch eigenes Beispiel, dass man Mathematiker und Übersetzer sein kann und trotzdem gerne schreiben und illustrieren kann. Seine Geschichten sind mäandernd, enthalten Nonsens-Logik, Wortspiele und Buchstabenschütteleien (oder im Klartext 'Schachbubenstütteleien'). Seine Illustrationen sind getaucht in bunte Farben, kombinieren ornamentale und figurative Elemente und mischen Plakatives mit Hintergründigem. Er ist mitunter überrascht über seine langjährige Berufspraxis im IT- und Bankenbereich. Dass er 1971 in Wien geboren wurde und sehr verheiratet ist, überrascht ihn hingegen nicht.

Die Blumenwiesenfee
        
2017, Erzählung, edition libica

         ISBN 9783903137165
Rosinen & Mandeln
        
2013, Roman, arovell

         ISBN 9783902808332; auf Anfrage beim Autor

Slezaks Verwundelung
         2011, Kurzgeschichte, arovell
         aus: Mit Wort und Paukenschlag,

         Anthologie - Hrsg. Klaus Ebner
         ISBN 9783902547248; auf Anfrage beim Autor

Operation Neue Welt
         2010, Roman, arovell
         ISBN 9783902547040; auf Anfrage beim Autor

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Umwelt, Erziehung